Der (zu) teure Staat
Denkschrift: Warum der österreichische Staat zu teuer ist
Österreich hat nicht bloß ein Steuerproblem. Österreich hat ein Kostenstaatsproblem. Der Staat belastet Leistung nicht nur über Einkommensteuern, sondern über Sozialbeiträge, Lohnnebenkosten, Gebührenlogik, Regulierung, Genehmigungsverfahren und föderale Mehrfachzuständigkeiten. Ein Staat ist ökonomisch dann zu teuer, wenn seine Ansprüche an Bürger und Betriebe schneller wachsen als Produktivität, Investitionstempo und Wettbewerbsfähigkeit.
1. Der Befund
Der fiskalische Ausgangspunkt ist bereits schwer zu übersehen. Laut OeNB auf Basis von Statistik Austria lagen 2024 die gesamten Staatseinnahmen bei 50,5 % des BIP und die Staatsausgaben bei 55,2 % des BIP. Von den Einnahmen entfielen 14,0 % des BIP auf direkte Steuern, 13,7 % auf indirekte Steuern und 16,0 % auf Sozialbeiträge. Das heißt: In Österreich ist nicht nur ein einzelner Steuerhebel hoch, sondern die gesamte Belastungsarchitektur tief in Arbeit, Konsum und Einkommen eingebaut.
Besonders scharf zeigt sich das am Faktor Arbeit. Der OECD-Steuerkeil für einen durchschnittlichen alleinstehenden Arbeitnehmer lag 2024 bei 47,0 % und war damit der fünfthöchste im OECD-Raum. Nach Steuern und Transfers blieben diesem Arbeitnehmer nur 67,7 % des Bruttolohns. Auch bei Niedrigverdienern gehört Österreich laut Eurostat mit einem Steuerkeil von 42,5 % zu den am stärksten belasteten Ländern der EU. Gleichzeitig lagen die durchschnittlichen Stundenarbeitskosten 2024 bei rund 44,5 Euro, gegenüber 33,5 Euro im EU-Schnitt und 37,3 Euro im Euroraum. Das ist der Kern des Problems: hohe Kosten für den Arbeitgeber und ein zu kleiner Nettoeffekt beim Arbeitnehmer.
2. Arbeit, Kosten und Wettbewerbsfähigkeit
Hohe Arbeitskosten wären weniger bedrohlich, wenn Österreich dafür dynamischer, produktiver und innovationsstärker würde. Genau das ist aber nicht der Fall. Die EU-Kommission hielt 2025 fest, dass Österreich seit 2019 an Kostenwettbewerbsfähigkeit verloren hat: Die nominalen Lohnstückkosten stiegen bis 2024 um 10 % stärker als im Durchschnitt des Euroraums, während die Güterexporte 2024 um 5,9 % sanken. Statistik Austria meldete Anfang März 2026 für 2025 zwar wieder ein reales BIP-Plus von 0,6 %, aber eben nur nach zwei Rückgangsjahren und bei Stagnation im vierten Quartal 2025. Das ist keine robuste Trendwende, sondern ein sehr fragiles Aufatmen.
Noch ernster wird es, wenn man auf die Produktivität blickt. Laut EU-Kommission ist das Wachstum der Arbeitsproduktivität pro Stunde in Österreich von durchschnittlich 1,8 % pro Jahr in der Periode 1995 bis 2007 auf nur noch 0,6 % seit der Finanzkrise gefallen. Auch das Wachstum der totalen Faktorproduktivität liegt inzwischen unter dem Euroraum. Zugleich begann 2024 die Bevölkerung im Erwerbsalter zu schrumpfen, und die Teilzeitquote lag bereits bei 30,7 %. Ein Land mit schwächerer Produktivitätsdynamik und knapper werdendem Arbeitsvolumen kann sich einen Staat, der Arbeit so stark verteuert, immer weniger leisten.
Hinzu kommt: Die EU-Kommission beschreibt Österreichs Steuermix ausdrücklich als stark auf Arbeitseinkommen und Konsum gestützt; Arbeitsbesteuerung und Sozialbeiträge gehörten zu den höchsten in der EU und hemmten Beschäftigung sowie Arbeitsmarktteilnahme. Das ist der eigentliche Mechanismus, durch den ein teurer Staat den Standort schwächt: Er macht Beschäftigung, Mehrarbeit, Aufstieg und Neueinstellungen strukturell unattraktiver, obwohl genau diese Dinge in einer alternden Volkswirtschaft dringend gebraucht würden.
3. Bürokratie als Schattensteuer
Der österreichische Staat ist aber nicht nur fiskalisch teuer, sondern auch regulatorisch teuer. Die EU-Kommission beschreibt Österreich als Land mit hoher administrativer und regulatorischer Belastung. In der EIB-Investitionsumfrage nannten 75 % der Unternehmen die Wirtschaftsregulierung als Investitionshemmnis, 46,8 % sogar als großes Hindernis. Zugleich berichten österreichische Unternehmen laut Wirtschaftskammer, dass sie in den vergangenen fünf Jahren mehr Zeit und mehr Geld für Bürokratie aufwenden mussten als zuvor. Bürokratie ist damit keine weiche Kategorie, sondern eine echte Schattensteuer auf Investitionen, Gründungen und Expansion.
Diese Schattensteuer zeigt sich ganz konkret in Verfahren und Vorschriften. Österreich hat neun separate Bauordnungen, dazu unterschiedliche und teils widersprüchliche Baustandards; Genehmigungen für Industrieprojekte mit Umweltverträglichkeitsprüfung dauern laut Kommission meist 22 bis 23 Monate. Dazu kommt, dass der Staat nicht einmal ein aktuelles Online-Inventar aller Genehmigungen und Lizenzen führt, die Unternehmen benötigen. Selbst dort, wo Österreich beim E-Government Fortschritte gemacht hat, liegen die digitalen öffentlichen Dienstleistungen für Unternehmen noch unter dem EU-Durchschnitt. Teuer ist eben nicht nur der Staat, der viel nimmt, sondern auch der Staat, der langsam arbeitet.
Das ist kein Nebenthema, sondern ein massiver Standortfaktor. Wer investieren will, braucht Tempo, Rechtsklarheit und eine verlässliche Fristlogik. Wer stattdessen mit Länderunterschieden, Mehrfachverfahren, Papierwegen und langwierigen Abstimmungen konfrontiert ist, kalkuliert Österreich als Hochkostenstandort. Genau so werden Investitionen verschoben, Projekte kleiner gerechnet oder gleich in andere Länder verlagert.
4. Der teure Föderalismus und die teure Zukunft
Ein weiterer Kostentreiber liegt in der Struktur des Staates selbst. Laut EU-Kommission wird fast ein Drittel aller Steuereinnahmen über Finanzausgleich und andere Mechanismen vom Bund an Länder und Gemeinden weiterverteilt. Gerade diese gemischten Finanzierungen, geteilten Zuständigkeiten und fragmentierten Entscheidungen mindern Transparenz, Verantwortlichkeit und Effizienz. Anders gesagt: Österreich hat vielerorts einen Staat, der zentral kassiert, föderal verteilt und dezentral verkompliziert. Das erhöht Kosten, ohne automatisch bessere Leistungen zu schaffen.
Die finanzielle Tragfähigkeit dieses Modells wird schwächer. 2024 lag das öffentliche Defizit bei 4,7 % des BIP; die Kommission erwartete auch für 2025 und 2026 weiterhin Defizite von über 4 %. Gleichzeitig stiegen die Nettoausgaben 2024 um 8,7 %, vor allem wegen höherer Ausgaben für Gehälter, Pensionen und Sozialleistungen. Die soziale Sicherung allein verschlang 2024 laut Statistik Austria 112,5 Milliarden Euro beziehungsweise 41,3 % der gesamten Staatsausgaben. Ein Staat, der heute schon so teuer ist und dessen größte Ausgabeblöcke demografisch weiter unter Druck geraten, wird morgen kaum freier, sondern noch teurer.
Deshalb ist die eigentliche Zukunftsfrage nicht, ob Österreich sich einen Sozialstaat leisten will, sondern ob Österreich sich einen ineffizienten Sozial- und Verwaltungsstaat leisten kann. Der Fiskalrat warnt, dass der notwendige Anpassungsbedarf des strukturellen Primärsaldos von derzeit 2,5 % auf 7,0 % des BIP bis 2070 steigt, wenn die Schuldenquote langfristig mit den EU-Vorgaben in Einklang bleiben soll; demografische Faktoren sind dabei der Haupttreiber. Die OECD kommt in ihrer Präsentation zum Österreich-Bericht 2026 zum Ergebnis, dass zur Stabilisierung der Schuldenquote unter Einrechnung künftiger Kosten für Alterung, Gesundheit, Verteidigung und Klimawende zusätzliche Konsolidierungsmaßnahmen im Ausmaß von 4 % des BIP nötig wären. Wer das ignoriert, verschiebt die Rechnung nicht ins Nichts, sondern auf die nächste Generation.
5. Warum das die Menschen in Österreich um Zukunft bringt
Für die Menschen im Land heißt das: Der teure Staat nimmt nicht nur Unternehmern Marge, sondern Arbeitnehmern Aufstiegschancen. Er frisst Lohnerhöhungen über den Steuerkeil auf, verteuert Einstellungen über Lohnnebenkosten, hält Investitionen über Genehmigungslasten zurück und schwächt den Wettbewerb, der Preise senken würde. Junge Unternehmen starten zudem in einem Umfeld mit dünnem Risikokapital: Laut EU-Kommission lag das durchschnittliche Private-Equity-Investment 2021 bis 2023 nur bei 0,2 % des BIP, gegenüber 0,6 % im EU-Schnitt. So verliert Österreich nicht auf einen Schlag seine Zukunft, sondern scheibchenweise: durch weniger Dynamik, weniger Investition, weniger Netto vom Brutto und weniger Mut zum Risiko.
Besonders unerquicklich ist dabei das Missverhältnis zwischen Aufwand und Leistungsqualität. Trotz hoher staatlicher Ressourcen lag Österreich beim OECD Digital Government Index 2022 mit 0,55 unter dem OECD-Durchschnitt von 0,61. Das heißt nicht, dass der Staat nichts leistet. Es heißt aber sehr wohl, dass Bürger und Betriebe für einen sehr teuren Staat nicht überall ein entsprechend schlankes, digitales und schnelles Gegenstück erhalten. Ein starker Staat darf viel kosten, wenn er viel kann. Ein zu teurer Staat kostet viel und bremst trotzdem.
Die Beamtenpensionen als stille Fiskalbombe
Gerade bei den Beamtenpensionen zeigt sich, wie sehr Österreich an den Kosten seiner eigenen Staatsstruktur leidet. Bundesbeamte sind nicht wie Arbeiter, Angestellte oder Vertragsbedienstete in die gesetzliche Pensionsversicherung eingebunden; der Bund übernimmt ihre Ruhestandsversorgung selbst. Für den Bundesdienst der Hoheitsverwaltung und der ausgegliederten Institutionen ohne Post/Telekom/Postbus und ÖBB bezifferte das offizielle Pensionsmonitoring den Pensionsaufwand 2023 auf rund 5,1 Mrd. Euro, den dazugehörigen Einnahmenblock aber nur auf rund 1,4 Mrd. Euro. Schon hier wird sichtbar: Das ist kein System, das sich annähernd selbst trägt, sondern ein System, das laufend aus allgemeinen Budgetmitteln gestützt werden muss.
Noch klarer wird die Größenordnung im Bundesbudget. In der Untergliederung 23 „Pensionen – Beamtinnen und Beamte“ sind für 2025 Auszahlungen von 13,428 Mrd. Euro, aber nur Einzahlungen von 2,130 Mrd. Euro vorgesehen; für 2026 steigen die Auszahlungen auf 13,882 Mrd. Euro, während die Einzahlungen auf 2,074 Mrd. Euro sinken. Rechnerisch bleibt damit eine aus dem Budget zu deckende Lücke von rund 11,3 Mrd. Euro im Jahr 2025 und rund 11,8 Mrd. Euro im Jahr 2026. Wer über einen „zu teuren Staat“ spricht, darf an dieser Zahl nicht vorbeigehen.
Das Kernproblem ist nicht bloß ein einzelner Beitragssatz, sondern die Struktur eines auslaufenden, aber noch lange nachwirkenden Systems. Das Langfristgutachten des BMF ging für 2023 von etwa 148.000 aktiven Beamtinnen und Beamten aus und projiziert bis 2070 nur noch rund 113.000 – also ein Minus von etwa 24 %. Gleichzeitig lagen die gesamten Pensionsaufwendungen des Beamtenpensionssystems 2023 bei 14,3 Mrd. Euro, die Beitragseinnahmen aber nur bei 2,7 Mrd. Euro. Auch für 2025 weist das Gutachten 15,4 Mrd. Euro Pensionsaufwand bei nur 2,6 Mrd. Euro Beitragseinnahmen aus. Das heißt: Eine schrumpfende Aktivbasis steht einem großen und teuren Bestand an Ansprüchen gegenüber. Genau so entstehen dauerhafte fiskalische Altlasten.
Hinzu kommt, dass das faktische Pensionsantrittsalter trotz Reformen weiter unter dem gesetzlichen Pensionsalter liegt. Für Bundesbeamte gilt seit 2017 grundsätzlich das gesetzliche Pensionsalter von 65 Jahren. Das offizielle Pensionsmonitoring weist für 2024 aber ein durchschnittliches Pensionsantrittsalter von 62,68 Jahren aus. Solange ein so großer Ausgabenblock über Jahre vor dem gesetzlichen Regelalter wirksam wird, bleibt die Belastung für das Budget entsprechend hoch.
Und diese Verpflichtungen enden nicht rasch. Laut Langfristgutachten waren 2023 bereits 44 % der pensionierten Beamtinnen und Beamten 75 Jahre oder älter. Gleichzeitig steigt in Österreich die Restlebenserwartung ab 65 weiter an; sie lag 2023 bei 18,4 Jahren für Männer und 21,5 Jahren für Frauen. Der belastbare Punkt ist also nicht irgendeine Polemik über das Berufsleben von Beamten, sondern ein viel härterer Tatbestand: lange Bezugsdauern, steigende Lebenserwartung und ein massiv unterdecktes, budgetfinanziertes Versorgungssystem.
Damit wird auch der Zusammenhang zur Wettbewerbsfähigkeit glasklar. Jeder Milliardenbetrag, der in diese strukturelle Unterdeckung fließt, fehlt an anderer Stelle: bei der Senkung der Abgaben auf Arbeit, bei Lohnnebenkosten, bei Digitalisierung, bei Infrastruktur, bei Forschung und bei der Entlastung produktiver Unternehmen. Ein Staat, der immer größere Teile seiner Finanzkraft für vergangene Versprechen bindet, verteuert die Gegenwart und verzehrt die Zukunft. Genau darin liegt die eigentliche Standortschwäche Österreichs: Das Land belastet die Wertschöpfung von morgen, um die Kostenstrukturen von gestern zu finanzieren.
Schluss
Die zugespitzte, aber ökonomisch saubere Schlussfolgerung lautet daher: Österreich leidet nicht nur unter hohen Steuern, sondern unter einem insgesamt zu teuren Staat. Zu teuer in Geld, weil Abgaben, Beiträge und Ausgaben sehr hoch sind. Zu teuer in Zeit, weil Verfahren zu lange dauern. Zu teuer in Organisation, weil der Föderalismus Verantwortung verwischt. Und zu teuer in seinen Folgen, weil all das genau jene Kräfte schwächt, die den Wohlstand von morgen tragen müssten: Arbeit, Investition, Innovation und Wettbewerb. Nicht noch mehr Belastung rettet den Standort Österreich, sondern ein Staat, der wieder schlanker, schneller, digitaler und konsequenter auf seine Kernaufgaben konzentriert ist.